Dienstag, 12. Dezember 2017

Dry Aged Beef

Im Kühlraum steht die Luft. Es riecht gleichzeitig nach Schinken, Moschus, frisch gebackenem Hefezopf, Raureif und verschwitzten Wollsocken. Das Fleisch ist schwarz wie Blutwurst und hart wie Kruppstahl. Darüber wuchert ein feiner, weißer Flaum. Steakliebhaber kommen ins Schwärmen. Hier wird Fleisch trocken abgehangen. Die am Knochen gereiften Rinderrücken sind das Ergebnis des ältesten Fleischreifungsverfahrens der Welt. Vor der Zubereitung wird die äußere Schicht, die durch die Luft hart, schimmelig und ungenießbar geworden ist, weggeschnitten. Übrig bleibt ein edles Stück, sozusagen der Kern. Vor dem Braten sollten die mindestens zwei Finger dicken Steaks ein bis zwei Stunden bei Zimmertemperatur ruhen. Nach der Erhitzung in einer heißen Eisen- oder Edelstahlpfanne sollten sie eine rehbraune Kruste haben. Danach gehören die Leckerbissen noch für einige Minuten in den Ofen. Viele empfehlen, das Fleisch zunächst gar nicht zu würzen, sondern erst einmal nur pur zu probieren. Dann kommt der natürliche und ganz eigene Geschmack richtig zur Geltung.

Montag, 27. November 2017

Vision in Weiß

Nachts erwache ich schweißgebadet am Husten, der mir den Hals einschnürt. Meine Kammer ist zu eng. Sie ist voll von Erzengeln.
Ich weiß es: ich habe zuviel geliebt. Ich habe zuviel Leiber gefüllt, zuviel orangenen Himmel verbraucht. Ich soll ausgerottet werden.
Die weißen Leiber, die weichsten davon, haben meine Wärme gestohlen, sie gingen dick von mir. Jetzt friere ich. Man deckt mich mit vielen Betten zu, ich ersticke.
Ich argwöhne: man wird mich mit Weihrauch ausräuchern wollen. Meine Kammer ist überschwemmt mit Weihwasser. Sie sagen: ich habe die Weihwassersucht. Das ist dann tödlich.
Meine Geliebten bringen ein bisschen Kalk mit, in den Händen, die ich geküsst habe. Es wird die Rechnung präsentiert über die orangenen Himmel, die Leiber und das andere. Ich kann nicht bezahlen.
Lieber sterbe ich. – Ich lehne mich zurück. Ich schließe die Augen. Die Erzengel klatschen. 
(Nach einem Besuch in der Befreiungshalle Kelheim. Der Text stammt von Bertolt Brecht.)

Mittwoch, 22. November 2017

Schlangenfrucht

Sie trägt ihren Namen nicht umsonst. Die Schale der merkwürdig beschuppten Palmenfrucht erinnert an die Haut einer Schlange. Manche bezeichnen sie auch als Salak, Panzerbeere oder Snakefruit. Hohen Bekannheitsgrad genießt sie in unserem Land nicht. Während Früchte wie Rambutan, Avocado oder Mangostan längst das Sortiment der heimischen Obsthändler bereichern, ist die Schlangenfrucht bislang nahezu unentdeckt geblieben - eine Marktlücke.
Wie andere exotische Früchte ist die Schlangenfrucht sehr kälteempfindlich und wächst nur in den Tropen. Ihre Heimat liegt auf den indonesischen Inseln Sumatra und Java, wo sie auf auf bis zu sechs Meter hohen Palmen mit fiederförmingen, sechzig Zentimeter langen Blättern in Dickichten auf nassen, sumpfigen Böden vorzüglich gedeiht. Fast alle oberirdischen Teile der Pflanze sind von zahlreichen, spitzen Stacheln bedeckt.
Die Schlangenfrucht hat eine rotbraune, glänzende Schale, die aus überlappenden Schuppen besteht. Sie ist hart und rau, aber dünn und leicht zu schälen. Das Innere der Frucht ist hellgelb bis beige und in zwei bis vier Segmente aufgeteilt, in denen sich jeweils ein großer dunkelbrauner Kern befindet. Der außergewöhnliche, süß-säuerliche Geschmack mit einer minimal bitteren Note ist kaum zu beschreiben. Manche fühlen sich an Ananas und Erdbeeren, Bananen, Litschi oder Birnen in verschiedenen Zusammensetzungen erinnert.

Montag, 20. November 2017

Hautacuperche

La Gomera 1488: Die Einwohner leiden unter der spanischen Besatzung. Als ihre Prinzessin Iballa verfolgt wird, entscheidet sich der Rat zu einer Rebellion. Hautacuperche führt die Gomeros aus der Bajo de Sectreto in den Widerstand. Kurz darauf wird der spanische Unterdrücker Hernan de Peraza leblos in einer Höhle aufgefunden. Pedro de Vera, Gouverneur von Gran Canaria, erlässt daraufhin den Befehl, alle Männer zu töten und die Frauen und Kinder zu versklaven. Obwohl der Aufstand ein tragisches Ende findet, wird dem Rebellen Hautacuperche höchster Respekt gezollt. 
529 Jahre später: Unweit der Bajo de Sectreto am Strand von Valle Gran Rey erinnert eine Statue an Hautacuperche. Das ganz aus Bronze gegossene Denkmal beeindruckt mit einer Höhe von vier Metern. Es wurde in La Puntilla direkt gegenüber dem Hotel Gran Rey im Jahr 2007 aufgestellt. Dort steht seitdem stolz der übergroße Rebell Hautacuperche. Allabendlich versinkt hinter ihm die Sonne im Meer.

Freitag, 10. November 2017

La Gomera

La Gomera ist etwa zehn Millionen Jahre alt und seit Langem ohne Vulkantätigkeit, doch die eruptive Entstehung ist der Insel auf den ersten Blick kaum anzumerken. Erosionskräfte wie Wasser und Wind haben im Lauf von Jahrmillionen tiefe Kerben in das Gestein gegraben. In Form von über fünfzig Schluchten, den Barrancos, fallen sie fächerförmig von der Gipfelregion aus zum Meer hin ab. Im Schutz dieser bis zu 800 Meter tiefen und kilometerlangen Einschnitte konnten sich unzählige Biotope mit wasserfallartigen Bachläufen und einer artenreichen Pflanzenwelt entwickeln. In ihren Ausläufern bilden diese Schluchten entweder kleine Buchten in der Steilküste, oder sie weiten sich zu sanften Tallandschaften, wie dem berühmten Valle Gran Rey oder dem Tal von Hermigua. In den Flussdeltas der Täler liegen die wichtigen Ortschaften.
Die zerfurchte Bergwelt wird von gewaltigen, kegelförmigen Basaltmonolithen, den Roques, und einem mächtigen Tafelberg, der Fortaleza, überragt. Als erstarrte Schlotfüllungen von Vulkanen, die durch Erosion freigelegt wurden, sind die Roques Zeugen der Entstehungsgeschichte der Insel. In dieser ausgedehnten Landschaft entstanden Legenden, genährt vom Überleben des Glaubens der Ureinwohner, der beeindruckenden Territorien, der Gegenwart der Berge und der markanten Abgeschiedenheit. Volkstümliche Geschichten rühmen die Erhabenheit des Roque Cano. Sie erzählen, dass Cano und Muima, die beiden Vulkanschlote von Agana, sich stritten, wer der Stärkere sei. Muima sagte zu Cano: „Dass du an der Spitze gespalten werdest.” Und Cano sprach zu Muima: „Mögest du im Rumpf gespalten werden.” Und Cano ging als Sieger hervor.
Auch die „Chorros de Epina” haben viele Legenden hervor gebracht. „Trinkst du aus den sieben Brunnen, wirst du vor dem Ablauf eines Jahres heiraten.” Um die ersehnte Liebe zu finden, müssen die Frauen aus den geraden, die Männer aus den ungeraden Rohren trinken (von links gezählt). Diejenigen aber, die Hexen werden möchten, müssen aus den den Männern vorbehaltenen Rohren trinken. Die begüterten Familien von Vallehermoso schickten ihre Dienstmädchen nach Epina, um frisches Wasser zu holen. Um sicher zu gehen, dass sie nicht betrogen wurden, ließen sie die Mädchen ein Blatt der alten Ardisie mitbringen, die dort wächst. Heute geht es den Besuchern der magischen Quellen nicht nur um Liebesglück, sondern auch um Gesundheit oder einen ersehnten Lottogewinn.
Auf La Gomera findet eine gute Geschichte immer ihre Zuhörer. In einer Gesellschaft, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von der Land- und Viehwirtschaft lebte, blieb der Zugang zu Bildungseinrichtungen den Wohlhabenden vorbehalten. Die mündliche Überlieferung spielte deshalb eine wichtige Rolle in ihrer Kultur. Tatsächlich könnte man die Geschichte der Insel an Hand ihrer mündlichen Überlieferungen verfolgen, die als Erzählungen, Legenden und einer reichen Volksdichtung erhalten sind. Verse und zehnzeilige Lieder haben dazu beigetragen, die wichtigsten Ereignisse des Gemeinwesens zu bewahren. Der bedeutende Volksdichter Lucas Mesa schrieb: „La Gomera hat eine Geschichte, aber man hat sie nicht aufgeschrieben. Die Geschichte von La Gomera bleibt in der Stille. Den Grund weiß ich nicht, aber ich halte inne und denke. Ein Volk, das keine Geschichte hat, ist für mich ein totes Volk.”
Aus den Zeiten der alten Gomerer ist eine nicht zu unterschätzende Verbindung zur spiritistischen Welt und zum Aberglauben geblieben. Auf dieser Grundlage vereinen sich Erzählungen von Wahrsagern und legendären Helden, von alten Kultstätten und von einzigartigen Plätzen wie der Lichtung „La Laguna Grande”, auf der sich außerdem sämtliche Wege der Insel kreuzen. Zur Sommersonnenwende sieht man dort die Seelen der Ahnen tanzen, während die Johannisnacht anbricht. Nach christlicher Tradition wurden derartige Plätze in „Bailaderos” umbenannt, das heißt, in „Tanzplätze”, auf denen sich die Hexen versammeln, um ihre Rituale durchzuführen. „Ich stecke euch in einen Sack und bringe euch zum Hexenplatz La Laguna Grande,” sagt man immer noch zu den unartigen Kindern.
Von den einst über dreißigtausend Einwohnern La Gomeras sind keine zehntausend mehr geblieben. Doch nach einer Periode des Niedergangs, bedingt durch die neuen Lebensformen und einer Auswanderungswelle, die nicht abreißt, hat die Jugend von La Gomera das Erbe ihrer Ahnen wieder entdeckt. Voller Stolz zeigt sie der Welt die markantesten Spuren ihrer Identität und legt so den Grundstein für eine neue Zukunft. Die für La Gomera typische Pfeifsprache „El Silbo” und der traditionelle Trommeltanz machen die Verse von Lucas Mesa wahr, der am Ende seines Lebens - er verstarb am 2. Oktober 1993 - schrieb: „Alles, was ich weiß, soll von Nutzen sein für diese neue Jugend, der ich vertraue.” 
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