Freitag, 10. November 2017

La Gomera

La Gomera ist etwa zehn Millionen Jahre alt und seit Langem ohne Vulkantätigkeit, doch die eruptive Entstehung ist der Insel auf den ersten Blick kaum anzumerken. Erosionskräfte wie Wasser und Wind haben im Lauf von Jahrmillionen tiefe Kerben in das Gestein gegraben. In Form von über fünfzig Schluchten, den Barrancos, fallen sie fächerförmig von der Gipfelregion aus zum Meer hin ab. Im Schutz dieser bis zu 800 Meter tiefen und kilometerlangen Einschnitte konnten sich unzählige Biotope mit wasserfallartigen Bachläufen und einer artenreichen Pflanzenwelt entwickeln. In ihren Ausläufern bilden diese Schluchten entweder kleine Buchten in der Steilküste, oder sie weiten sich zu sanften Tallandschaften, wie dem berühmten Valle Gran Rey oder dem Tal von Hermigua. In den Flussdeltas der Täler liegen die wichtigen Ortschaften.
Die zerfurchte Bergwelt wird von gewaltigen, kegelförmigen Basaltmonolithen, den Roques, und einem mächtigen Tafelberg, der Fortaleza, überragt. Als erstarrte Schlotfüllungen von Vulkanen, die durch Erosion freigelegt wurden, sind die Roques Zeugen der Entstehungsgeschichte der Insel. In dieser ausgedehnten Landschaft entstanden Legenden, genährt vom Überleben des Glaubens der Ureinwohner, der beeindruckenden Territorien, der Gegenwart der Berge und der markanten Abgeschiedenheit. Volkstümliche Geschichten rühmen die Erhabenheit des Roque Cano. Sie erzählen, dass Cano und Muima, die beiden Vulkanschlote von Agana, sich stritten, wer der Stärkere sei. Muima sagte zu Cano: „Dass du an der Spitze gespalten werdest.” Und Cano sprach zu Muima: „Mögest du im Rumpf gespalten werden.” Und Cano ging als Sieger hervor.
Auch die „Chorros de Epina” haben viele Legenden hervor gebracht. „Trinkst du aus den sieben Brunnen, wirst du vor dem Ablauf eines Jahres heiraten.” Um die ersehnte Liebe zu finden, müssen die Frauen aus den geraden, die Männer aus den ungeraden Rohren trinken (von links gezählt). Diejenigen aber, die Hexen werden möchten, müssen aus den den Männern vorbehaltenen Rohren trinken. Die begüterten Familien von Vallehermoso schickten ihre Dienstmädchen nach Epina, um frisches Wasser zu holen. Um sicher zu gehen, dass sie nicht betrogen wurden, ließen sie die Mädchen ein Blatt der alten Ardisie mitbringen, die dort wächst. Heute geht es den Besuchern der magischen Quellen nicht nur um Liebesglück, sondern auch um Gesundheit oder einen ersehnten Lottogewinn.
Auf La Gomera findet eine gute Geschichte immer ihre Zuhörer. In einer Gesellschaft, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von der Land- und Viehwirtschaft lebte, blieb der Zugang zu Bildungseinrichtungen den Wohlhabenden vorbehalten. Die mündliche Überlieferung spielte deshalb eine wichtige Rolle in ihrer Kultur. Tatsächlich könnte man die Geschichte der Insel an Hand ihrer mündlichen Überlieferungen verfolgen, die als Erzählungen, Legenden und einer reichen Volksdichtung erhalten sind. Verse und zehnzeilige Lieder haben dazu beigetragen, die wichtigsten Ereignisse des Gemeinwesens zu bewahren. Der bedeutende Volksdichter Lucas Mesa schrieb: „La Gomera hat eine Geschichte, aber man hat sie nicht aufgeschrieben. Die Geschichte von La Gomera bleibt in der Stille. Den Grund weiß ich nicht, aber ich halte inne und denke. Ein Volk, das keine Geschichte hat, ist für mich ein totes Volk.”
Aus den Zeiten der alten Gomerer ist eine nicht zu unterschätzende Verbindung zur spiritistischen Welt und zum Aberglauben geblieben. Auf dieser Grundlage vereinen sich Erzählungen von Wahrsagern und legendären Helden, von alten Kultstätten und von einzigartigen Plätzen wie der Lichtung „La Laguna Grande”, auf der sich außerdem sämtliche Wege der Insel kreuzen. Zur Sommersonnenwende sieht man dort die Seelen der Ahnen tanzen, während die Johannisnacht anbricht. Nach christlicher Tradition wurden derartige Plätze in „Bailaderos” umbenannt, das heißt, in „Tanzplätze”, auf denen sich die Hexen versammeln, um ihre Rituale durchzuführen. „Ich stecke euch in einen Sack und bringe euch zum Hexenplatz La Laguna Grande,” sagt man immer noch zu den unartigen Kindern.
Von den einst über dreißigtausend Einwohnern La Gomeras sind keine zehntausend mehr geblieben. Doch nach einer Periode des Niedergangs, bedingt durch die neuen Lebensformen und einer Auswanderungswelle, die nicht abreißt, hat die Jugend von La Gomera das Erbe ihrer Ahnen wieder entdeckt. Voller Stolz zeigt sie der Welt die markantesten Spuren ihrer Identität und legt so den Grundstein für eine neue Zukunft. Die für La Gomera typische Pfeifsprache „El Silbo” und der traditionelle Trommeltanz machen die Verse von Lucas Mesa wahr, der am Ende seines Lebens - er verstarb am 2. Oktober 1993 - schrieb: „Alles, was ich weiß, soll von Nutzen sein für diese neue Jugend, der ich vertraue.” 
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Mittwoch, 8. November 2017

Restaurante El Baifo

Wer im Restaurante El Baifo speisen will, muss Zeit haben. Allein für den Weg dorthin werden zwölf bis fünfzehn Stunden benötigt. Das Lokal liegt im Valle Gran Rey auf La Gomera, genauer gesagt in einer unscheinbaren Gasse hinterhalb des Ortszentrums von La Playa. Dort wurde das El Baifo 1996 eröffnet. 2007 erhielt es nicht zu Unrecht den Gastronomiepreis „Dario de Avisos” als beste ausländische Küche auf den Kanarischen Inseln.
Der Chef de Cuisine Yee Thong Andy verwöhnt seine Gäste mit Gerichten von einzigartigem Geschmack. Auf den Tisch kommen Kreationen der malaysischen und französischen Küche mit ihren erlesenen Zutaten wie Kokosmilch, Zitronengras, Curry, Chili, duftender asiatischer Jasminreis, und frischer Ingwer. Der Kochkünstler verwendet edle Gewürze und Kräuter, die er mit einigen typischen Produkten aus La Gomera - zum Beispiel Palmhonig und Ziegenfleisch - kombiniert. Natürlich bietet das El Baifo auch eine große Vielfalt an vegetarischen Gerichten an. Yee Thong Andy bereitet alles frisch zu, auch die leckeren Soßen. Bemerkenswert ist auch die Weinkarte, auf der edle und seltene Tropfen offeriert werden.
Auf Nervenruh's Tisch landete eine Flasche Vina Frontera Tradicional, ein exklusiver Rotwein der Nachbarinsel El Hierro und reines Quellwasser. Außerdem ein Tomatensalat der ganz anderen Art, eine scharfe Gemüsesuppe, pikantes Hähnchencurry mit Reis, ein Viertel einer naturbelassenen, am Baum gereiften gomerischen Ananas und ein Tiramisu, das alle bisherigen Vorstellungen und Erwartungen an diese süße Nachspeise weit hinter sich ließ. Spitzenklasse!

Dienstag, 17. Oktober 2017

Regionalliga Bayern

Schwaben und Bayern waren sich noch nie so richtig grün. Auch nachdem Napoleon die Freie Reichsstadt Augsburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts an das Königreich Bayern verschenkt hatte, änderte sich das nicht. Es ist eine Geschichte von Erfolg und Misserfolg, von Auf- und Abstieg, von Neid und Missgunst. Der Sprung zum Fußball ist ein kurzer. Die besondere Abneigung und manchmal fast schon abgrundtiefe Feindschaft, die zwischen vielen Anhängern des FC Augsburg und des TSV 1860 München liegt, zeugt davon. 
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass es rund um die zum Hochrisikospiel eingestufte Regionalligabegegnung zwischen den beiden rivalisierenden Fangruppen schon im Vorfeld zu Auseinandersetzungen kam. In der Innenstadt Augsburgs, wo beide Lager vor und nach der Begegnung aufeinander trafen, setzte die Polizei Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Trotzdem oder gerade deswegen mussten mehrere Personen vor Ort vom Rettungsdienst behandelt werden. Es gab zwanzig Festnahmen und zweiundvierzig Anzeigen - wegen Landesfriedensbruch womöglich, wegen Schwaben und Bayern, Augsburgern und Münchenern, wegen FCAlern und 60ern. 
Als die Löwen vor Jahrzehnten ihre einzige deutsche Meisterschaft feierten, war der FCA noch nichteinmal gegründet. Als den Sechzgern seinerzeit die Lizenz verweigert wurde, zogen sie zu tausenden durch den Freistaat, während in Augsburg jeder Zuschauer noch per Handschlag begrüßt werden konnte. Die Zeiten haben sich geändert, die 60er-Fans nicht. Einmal Löwe immer Löwe. Davon kann so mancher Bundesligist nur träumen. 
Die Regionalligamannschaft des FC Augsburg trägt ihre Spiele normalerweise im älteren und kleineren Rosenaustadion aus, für die Begegnung gegen die Münchener zog man jedoch in die ansonsten nur den Profis vorbehaltene WWK-Arena um. Es lohnte sich. Einundzwanzigtausendzweihundertneunzehn (21.219) Interessierte fanden sich ein und brachen den Zuschauerrekord der Regionalliga Bayern aus dem Jahr 2010. Damals besuchten 15.224 Fans eine Begegnung des SV Jahn in Regensburg. 1860 braucht die Bundesliga nicht, zumindest nicht unbedingt. 
Obwohl am Eingang gründliche Kontrollen durchgeführt worden waren - das Spiel wurde mit viertelstündiger Verspätung angepfiffen - gelangten pyrotechnische Gegenstände ins Stadion. Natürlich wurden sie gezündet. Rauchschwaden zogen durch das Rund. Es entstand der Eindruck, als sei die Regionalligapartie und damit der Fußball an sich zur Nebensache verkommen. Was ein großes Ärgernis der beteiligten Vereine bedeutet und eine minutenlange Spielunterbrechung provozierte, war auf der einen Seite unverantwortlich und deshalb auch verboten, bot aber auf der anderen Seite dem Zuschauer eine interessante Abwechslung und dem Fotografen ein willkommenes Motiv. 
In einer flotten Partie, bei der die Löwen reihenweise ihre Chancen versiebten und der Schiedsrichter einen Elfmeter versagte, gingen die anfänglich wie das Kaninchen vor der Schlange agierenden Augsburger als glücklicher Sieger vom Platz. Die viertklassigen Fußballer zauberten ein rasantes Spiel mit viel Kampf, wenig Krampf, Rasse und Klasse auf den Rasen, ließen kaum Wünsche offen und beglückten die Zuschauer mit fünf Toren. Die Partie endete drei zu zwei. 
Es gibt ein Rückspiel. 
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Dienstag, 3. Oktober 2017

Oktoberfestbier

Zum Abschluss des diesjährigen Oktoberfestes noch schnell ein kurzer Vergleichstest der heurigen Gebräue aus den Sudkesseln der Paulaner und deren von Löwenbräu. Mehr war nicht möglich. Ohne Zweifel geht nichts über eine frischgezapfte Mass. Wer aber nicht nach München fahren will, um sich in eines der Zelte zu drängen, hat das Glück, dass das Bier auch abgefüllt wird. Beide oben genannten Hersteller verwenden hierzu braune Glasflaschen der Sorte NRW-GR905 mit einem Fassungsvermögen von einem halben Liter und Kronkorkenverschluss. Aus historischen Gründen, die hier nicht genauer beschrieben sein sollen, sind Oktoberfestbiere Märzen mit einem etwas höheren Alkoholgehalt. Der Unterschied beginnt beim Etikett. Während Löwenbräu auf himmelblauem Grund eine Kellnerin im Dirndl vor der Brauerei fünf Mass stemmen lässt, zeigt Paulaner einen turbulenten Fassanstich. Wer gleich aus der Flasche trinkt, sieht nicht, dass dem feinen Schaum des Löwenbräu der eher grobporige des Paulaners gegenüber steht. Das Löwenbräu überzeugt mit seinem schönen Antrunk und einem kraftvollen Nachhall. Es ist sehr mild, malzig mit schöner Würze und gut abgestimmten Hopfennoten. Das Paulaner unterscheidet sich schon optisch durch seinen dunkleren Goldton. Das Bier gefällt, passend zur Farbe, auch durch sein eher dunkles Aroma mit malzig-würzigen Noten und einem guten Hopfenton. Welches der beiden Biere letztendlich das bessere ist, lässt sich nach der Verkostung von jeweils einer Mass nicht mehr beurteilen. Beide munden vorzüglich.

Montag, 18. September 2017

Der Sommer geht

Ein untrügliches Zeichen, dass uns der Sommer verlässt und der Herbst ins Land zieht, ist die Blüte der Gelenkblume. Die Zeit, als jeder unter der Hitze stöhnte ist erstmal vorbei. Stundenlange Schweißausbrüche durch bloßes Nichtstun im kurzen, dünnen Hemd werden uns die nächsten Monate nicht mehr begleiten. Selbst an einem sonnigen Tag wie heute will die Quecksilbersäule des Thermometers nicht mehr über die 18-Grad-Marke klettern. Die kühlen Nächte haben bereits deutliche Spuren in der Pflanzenwelt hinterlassen. Einige der Gewächse haben ihren Dienst kurzerhand quittiert. Bereits um Acht wird es dunkel.
In den süßen, kleinen Cocktailtomaten steckt noch das Licht und die Wärme des Sommers, in den knallgelben Chilischoten das Feuer der Sonne.